Interview mit Dr. Beate Loddenkemper

Sie ist die „gute Seele“ der German Open Wheelchair Tennis, die aktuell auf der Anlage des SV Zehlendorfer Wespen in Berlin ausgetragen werden:
Dr. Beate Loddenkemper. Von 2011 bis 2016 war die gelernte Allgemeinmedizinerin Turnierdirektorin des internationalen Turniers. In diesem Jahr unterstützt sie ihren Nachfolger Martin Melchior tatkräftig bei der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung. Im Interview spricht sie über die kontinuierliche Entwicklung des Rollstuhltennis und erfolgreiche Inklusionsarbeit im Verein.

Frau Dr. Loddenkemper, wann kamen Sie zum ersten Mal mit dem Rollstuhltennis in Kontakt?

Dr. Beate Loddenkemper: Das war im Jahr 1992, als auf der Anlage des TC Rot-Weiß Berlin noch das WTA-Turnier ausgetragen wurde. Damals gab es eine Rollstuhltennis-Demonstration, die mich fasziniert hat. Meine Recherchen ergaben, dass es an der Freien Universität Berlin unter Leitung von Frau Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper und an der Integrativen Gesamtschule in Lankwitz bereits Rollstuhltennisgruppen gab. Das Problem war,
dass beide Gruppen aufgrund von Ferienzeiten und Hallenproblematiken nicht kontinuierlich spielen konnten und auf der Suche nach einem geeigneten Verein waren. Als Sportwartin des SV Zehlendorfer Wespen habe ich den Kontakt zwischen den Rollstuhltennisspielern und dem Verein hergestellt.

Wie gestalteten sich die Anfänge?

Dr. Beate Loddenkemper: Wir haben die ersten Rollstuhltennisspieler noch im selben Jahr, also 1992, aufgenommen. Zu Beginn verfügten wir nicht über eine Anlage, die behindertengerecht ausgebaut war. Das wurde erst mit dem Neubau am jetzigen Vereinsstandort möglich. Also haben wir die Rollstuhltennisspieler anfangs die Treppen hinauf- und hinuntergetragen. Das war für uns und unsere Mitglieder ganz normal.

Inklusion wird in Ihrem Verein bis heute intensiv gelebt.

Dr. Beate Loddenkemper: Ja, das stimmt. Wir haben sechs verschiedene Trainingsgruppen, von denen einige inklusiv spielen. Das heißt, dass Kinder und Jugendliche mit und ohne Handicap gemeinsam die Sportart Tennis erlernen. Wie bei den Fußgängern trennen sich später die Wege in Leistungs- und Breitensport. Der Kontakt bleibt natürlich bestehen und nicht selten toben sich nach den Trainingseinheiten alle gemeinsam im Schwimmbad aus.
Unsere Angebote für Kinder und Jugendliche mit Down Syndrom sind ebenfalls stark nachgefragt, auch von extern. Aufgrund von Platz- und Trainerkapazitäten können wir jedoch nur noch Vereinsmitglieder berücksichtigen. Diese erhalten Vergünstigungen auf den Beitrag und die Trainerstunden. Unsere Mitglieder sind stolz, dass wir das Wort Inklusion aktiv mit Leben füllen.

Auch der Spitzensport hat in Ihrem Vereinskonzept einen festen Platz. Wie unterstützen Sie die Rollstuhltennisspieler?

Dr. Beate Loddenkemper: Mit Katharina Krüger, Steffen Sommerfeld, Sven Hiller und den Zwillingen Markus und Max Laudan haben wir fünf Rollstuhlspieler der deutschen Rangliste unter unseren Mitgliedern. Diese Leistungssportler werden über unseren Förderkreis unterstützt, so dass für Vereinsbeiträge und Trainingseinheiten keine Kosten anfallen und die Turnierreisen unterstützt werden können. Es ist etwas Besonderes, die Spieler im Verein aufwachsen zu sehen. Katharina Krüger, die sich in den letzten Jahren fest unter den Top 10 des ITF Wheelchair Rankings etabliert hat, war das erste Mal mit vier Jahren bei uns auf der Anlage. Zwei Jahre später war sie groß genug, das Rollstuhltennis zu erlernen und mit zwölf Jahren konnte sie dank einer Sondergenehmigung der ITF erstmals ein internationales Turnier bestreiten.

Und im vergangenen Jahr vor heimischem Publikum zum dritten Mal den Titel bei den German Open Wheelchair Tennis gewann, einem Turnier, das über viele Jahre durch Ihren persönlichen Einsatz geprägt wurde. Wie sehen Sie die Entwicklung der Veranstaltung?

Dr. Beate Loddenkemper: In den vergangenen 29 Jahren haben sich die German Open kontinuierlich weiterentwickelt. Sie kamen nach Stationen in Bonn, München und Essen im Jahr 2011 nach Berlin und werden nun im jährlichen Wechsel auf den Anlagen des SV Zehlendorfer Wespen und des Berliner Tennis- und Tischtennisclub Grün-Weiß ausgetragen. Ohne die Unterstützung des Berliner Senats wäre die Durchführung eines ITF 2-Events nicht möglich. Das ehrenamtliche Organisationsteam um Turnierdirektor Martin Melchior wird seit diesem Jahr durch hauptamtliche Mitarbeiter des LSB Berlin unterstützt, was die Professionalisierung weiter vorantreibt. So können nun auch neue Medien bedient und Konzepte zur Sponsorenakquise ausgearbeitet und umgesetzt werden. Ein erster Erfolg ist, dass wir die NÜRNBERGER Versicherung als Nationalen Partner der Veranstaltung gewinnen konnten. Die German Open haben eine Zukunft und das ist für mich als ehemalige Turnierdirektorin schön zu sehen.

Hinter den German Open Wheelchair Tennis steht für Ihren Verein ein hoher organisatorischer Aufwand. Gestaltet sich die Gewinnung von Helfern schwierig?

Dr. Beate Loddenkemper: Nein, ganz im Gegenteil. Ob Turnierbüro, Fahrdienst, Einfahrtkontrolle – all diese Bereiche werden ehrenamtlich von Mitgliedern besetzt. Die Kinder und Jugendlichen reißen sich regelrecht darum, bei der Veranstaltung dabei zu sein. Wir haben alleine 40 bis 50 Ballkinder auf der Anlage, die im Vorfeld eine zweitägige Schulung absolvieren. Sie sind auf dem Platz hochmotiviert und konzentriert. Am Abend ist es für sie ein Highlight, sich in die Rollstühle der Spieler setzen zu dürfen und im Korso in die Tennishalle zu fahren.

Die aktuellen Rollstühle haben nicht mehr viel gemein mit den Modellen, die noch vor wenigen Jahren genutzt wurden. Wie wirkt sich diese Veränderung auf das Spiel aus?

Dr. Beate Loddenkemper: Die Rahmen der Rollstühle werden heute aus Carbon gefertigt. In der Folge sind die Rollstühle leichter und wendiger geworden. Insgesamt ist das Spiel deutlich schneller und aggressiver als früher. Dies hat zur Folge, dass die Spieler athletischer sein müssen.
Konditions- und Fahrtraining haben an Bedeutung gewonnen. Auch das Umfeld der Spieler hat sich professionalisiert. Es gibt kaum internationale Teilnehmer, die ohne Coach anreisen.

Es ist beeindruckend, welche Leistungen die Spieler bei den German Open Wheelchair Tennis zeigen und wie positiv die Stimmung auf der Anlage ist.
Gibt es eine Botschaft, die Sie an potentielle Zuschauer senden möchten?

Dr. Beate Loddenkemper: Ja, die Gelegenheit nutze ich gerne. Wir vermitteln schon unseren jüngsten Mitgliedern unsere Maxime. Diese lautet kurz und knapp: Mitleid braucht keiner. Wie jeder andere Sportler auch, möchten die Rollstuhltennisspieler, dass ihre Leistung anerkannt wird und sie im Verein und in der Gesellschaft angenommen werden. Sie haben ein großes Publikum verdient. Und wer schon einmal Zuschauer bei unserem Turnier war, der weiß: Die Lebensfreude, die man dort spürt, ist bereichernd. Der Weg zu den German Open Wheelchair Tennis lohnt sich.

Das Interview führte Frau Dr. N. Schwägerl

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