Wenn die Hockeyherren der Zehlendorfer Wespen am kommenden Sonntag in der Schöneberger Sporthalle Gastgeber im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft sind, wird eine Wespe ganz genau hinschauen: Ralf Stähler, von 2012 bis 2025 Erster Vorsitzender der Zehlendorfer Wespen – 13 Jahre, so lange, wie noch niemand vor ihm in der 115-jährigen Historie dieses Vereins. Es hätte schon durchaus etwas Kurioses, wenn den Herren jetzt, kurz nach Stählers Ausscheiden aus dem Amt tatsächlich der Sprung ins Final4 der besten vier deutschen Mannschaften gelingen würde – denn dieses Kunststück schaffte eine Wespenmannschaft zum bisher einzigen Mal 2012, wenige Wochen nach seinem Amtsantritt als Erster Vorsitzender.
Final4 in der Max-Schmeling-Halle 2012
Dass die Mannschaft in diesem Winter so spektakuläres Hockey bietet und – unabhängig vom Abschneiden am Sonntag – zu einer der besten Wespenmannschaften aller Zeiten zählen dürfte, hat viel mit dem zu tun, was Ralf Stähler in den vergangenen Jahren als Grundlage gelegt hat. Der nachhaltige Auf- und Ausbau der Hockey-Jugendabteilung zu einer der mittlerweile besten und erfolgreichsten in ganz Deutschland hat letztlich dafür gesorgt, dass immer mehr der eigenen Talente im Erwachsenenbereich ankommen und so ist es nur konsequent, dass exakt die Hälfte des Kaders, der am kommenden Sonntag auf dem Parkett der Schöneberger Sporthalle im Rampenlicht stehen wird, im weiteren Saisonverlauf noch um die Deutsche Meisterschaft in der U18 mitspielen kann.
Ralf Stähler wird das Heim-Viertelfinale seiner Wespen jedoch nicht nur als langjähriger Vereinspräsident der Zehlendorfer Wespen betrachten, denn er ist seit einigen Jahren auch im Präsidium des Hockeyliga e. V., in dem 60 Vereine organisiert sind und der für die Organisation und Vermarktung der 1. und 2. Hockey-Bundesligen und somit auch für die Viertelfinalspiele und das Final4 Event in Frankfurt verantwortlich ist, ehrenamtlich aktiv.
Was traut Ralf Stähler den Wespen im Viertelfinale zu?
„Natürlich und unbedingt traue ich den Herren den Sieg im Viertelfinale und den Einzug in das Final4 zu: Vor allem Leon Arnold, aber auch Felix Fischer, Valentin Devrient und viele andere haben in den letzten Jahren eine so großartige Aufbauarbeit geleistet, dass ich es denen und natürlich der jungen, großartigen Mannschaft von Herzen gönnen würde, sich zu belohnen. Dies gilt, seht es mir nach, liebe MHCler, umso mehr, weil der Gegner der MHC ist – ein Verein, dem ich mich auch persönlich wegen deren Werteorientierung und Professionalität sehr verbunden fühle.
Bezogen auf meine Zeit bei den Wespen wäre ein Final4-Einzug gerade jetzt eine unterhaltsame Pointe der Geschichte: Kurz nach meiner Übernahme des Vorsitzes von Claudius Jochheim 2012 hatten die Hockey Herren den erstmaligen und letzten Final4-Einzug – es wäre schon sehr besonders, wenn sich das jetzt bei meinem Ausscheiden und der Übergabe an Jan Möller-Giaretti wiederholen würde.“
Wie wichtig ist Hallenhockey für den Hockeyliga e. V., der sich aus dem DHB ausgegründet hat, um unter anderem den nationalen Spielbetrieb besser vermarkten und professionalisieren zu können?
„Für die Hockeyliga ist die Hallensaison sehr bedeutend: Das Hallen-Final4 ist eines der – wenn nicht das Highlight des Jahres und seit Jahren mit der großartigen Unterstützung vom SC80 in der Halle in Frankfurt eine tolle, stimmungsvolle, hochwertige und eben auch sehr herzliche Veranstaltung. Um unser Niveau sportlich und bei den Events weiter zu entwickeln und im deutschen Hockey insgesamt den Spagat zwischen Leistungsorientierung und Professionalisierung einerseits, Flächenabdeckung und Weiterentwicklung der Breite in der Basis sicherzustellen, werden der DHB und wir uns in den nächsten Monaten im Kontext der Neuverhandlung des Kooperationsvertrags wie immer im guten Miteinander auf die nächsten Schritte verständigen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Vereine gefordert sind – und wir gerade in Berlin aufpassen müssen, den Anschluss nicht zu verlieren. Und da sind neben Ligaverband und DHB vor allem auch die Berliner Vereine gefordert.“
Ralf Stähler kommt 1988 als 19-jähriger Hockeyspieler vom Braunschweiger THC zu den Wespen, er studiert BWL an der TU. Trainer der 1. Herren ist Markus Boesser, Betreuer Claudius Jochheim, seine Mitspieler Detlef Claussen, Bernd Rannoch und im Laufe der Jahre viele weitere, die noch heute bei den Wespen präsent sind. Ole Vinck und Alexander Holtz entwickeln ob der physischen Präsenz und der spielerischen Qualitäten die Theorie, Ralf müsse als Kind in einen Kessel mit Zaubertrank gefallen sein. Alex „Forelli“ Holtz sagt noch heute: „Ralf Stähler war der kompletteste Hockeyspieler, mit dem ich jemals zusammengespielt habe. Der konnte auf wirklich jeder Position spielen und hat es, meine ich, auch getan.“
Ein erstes Zeichen außerhalb des Hockeyplatzes – wenn auch nicht weit außerhalb – setzt er 1991. Als Trainer der weiblichen Jugend A holt Ralf den ersten Blauen Wimpel der Vereinsgeschichte ins Wespennest. Zwei Jahre später steigt er mit den Herren in die 1. Bundesliga Feld auf und bleibt einige Jahre im Oberhaus – die bis heute erfolgreichste Hockeyepoche der Wespen.
Die 1. Herren 1991. Ralf Stähler obere Reihe, 5. von links
Nachdem er bereits 2000 bis 2005 im Vorstand für die Finanzen zuständig war, übernimmt Ralf Stähler 2012 das Amt des 1. Vorsitzenden von Claudius Jochheim. Fortan hat er den gesamten Verein im Fokus. Hockey UND Tennis, Alt UND Jung, Leistungs- UND Breitensport. Das UND war stets das zentrale Element seiner Wespen-Philosophie und so ist auch in seiner Amtszeit der Markenkern „WIR WESPEN“ entstanden. Unter Ralfs Führung entwickeln sich die German Open im Rollstuhltennis zum wichtigen Event im Vereinskalender und im deutschen Rollstuhltennissport. Er setzt sich vehement dafür ein, eine Traglufttennishalle zu kaufen, fortan wird im Winter auf fünf Plätzen Tennis gespielt. Die Ballschule wird gegründet, als eigenständige Sparte etabliert und sorgt für Nachwuchs im Tennis- und Hockeybereich. Die Mitgliederkommunikation wird durch Webseite, Newsletter und Social-Media-Kanäle auf moderne Beine gestellt und der Verein bekommt per Satzungsänderung mit dem Aufsichtsrat ein der mittlerweile erreichten Umsatzgröße entsprechendes Kontrollorgan. Die Liste dessen, was in den Jahren seiner Präsidentschaft umgesetzt wurde, lässt sich lange fortsetzen. Von der souveränen Meisterung der Pandemie, Etablierung von Kinderschutzbeauftragten, Modernisierung und Neubau von Flutlicht für Hockey und Tennis bis hin zur Schaffung einer Athletikabteilung, die heute für das gesamte Spektrum von Leistungs- bis Seniorensport nicht mehr wegzudenken ist. Alles natürlich im Team und mit vielen Mitstreitern, denn es gehört zu Ralf Stählers Qualitäten, stets für ehrenamtlichen Nachwuchs in den Gremien zu sorgen und Kandidaten mit passendem Profil für die Gremienarbeit zu „verhaften“ – zum Wohle der Wespen.
Wie blickt er selbst auf die 13 Jahre als Erster Vorsitzender zurück?
„Puh - es fällt mir schwer, aus den langen Jahren einzelne Highlights zu picken. In meiner Wahrnehmung habe ich auf der einen Seite vor allem an Strukturen gearbeitet
– Einführung einer Clublinie und eines Vereinssongs, um das Erscheinungsbild und die Markenbildung voranzutreiben,
– Ausbau des Hauptamts, weil ich der festen Überzeugung bin, dass Vereine gerade in Ballungsräumen für nachhaltigen Erfolg so viel wie möglich Professionalität brauchen, um im Wettbewerb der Freizeitaktivitäten zu bestehen,
– Ausbau der baulichen Strukturen, Fitnessbereich und Tennishalle, um wettbewerbsfähig zu sein,
– Einführung eines Sportangebots für die Kleinsten und die Ältesten,
– Einführung professioneller Kontrollstrukturen mit einem Aufsichtsrat, weil die Notwendigkeit besteht, bei steigendem Geschäftsvolumen auch mehr Kontrolle vorzuhalten.
Das war alles wichtig - und hat mir in der Durchsetzung mit den Weggefährten der letzten Jahrzehnte viel bedeutet.
Wenn die Frage sich auf die persönlichen Highlights bezieht: Am meisten gegeben hat mir der persönliche Dank Betroffener, wenn es mir möglich war, einen Beitrag zur Lösung einer individuell schwierigen Situation für insbesondere jüngere Mitglieder zu leisten - und da sind dann schon auf Augenhöhe, einer Jugendlichen im Covid-Wahnsinn, die dann auch noch erfolgreiche Teilnahme an einer DM gegen den DHB ermöglicht zu haben; gemeinsam mit dem DHB einen Beitrag geleistet zu haben, dass die Jungs damals ihren verdienten DM-Titel erhalten haben oder einer Jugendlichen zur Seite stehen zu können, um sie gegen in unserer Zeit ja immer häufiger werdende Mobbingaktionen zu schützen.
So etwas, mit dem Gefühl, gerade Jugendlichen etwas Gutes getan zu haben, den wirklich von Herzen kommenden Dank zu empfangen - vor allem dafür hat es sich gelohnt.“
Großer Dank gilt Ralf Stähler vom ganzen Verein für unvorstellbar viel ehrenamtliche Arbeit, der Aufsichtsratsvorsitzende der Zehlendorfer Wespen, Jan Mees, fasst es so zusammen:
„Ralf hat unseren Verein 13 Jahre lang mit großem Engagement und viel Herzblut geführt, unzählige Abende und Wochenenden investiert und dabei immer einen klaren inneren Kompass bewahrt. Er hat die Wespen nicht nur als Präsident geprägt, sondern auch als Vizepräsident der Hockeyliga e.V. an prominenter Stelle in der deutschen Hockeyszene vertreten. In seiner Amtszeit sind viele zukunftsweisende Entwicklungen angestoßen und umgesetzt worden. Der Erhalt und die Weiterentwicklung der Wespenkultur waren ihm ein wichtiges Anliegen. Nicht zuletzt hat Ralf den Verein zusammen mit seinen Vorstandskollegen gut und sicher durch die Pandemie gelotst.
Lieber Ralf, was Du als Ehrenamtler für diesen Verein geleistet hast, verdient unseren tiefen Respekt und größte Anerkennung – das macht Dir so schnell keiner nach – danke!“
Seine ehrenamtliche Tätigkeit wird Ralf Stähler im Präsidium des Hockeyliga e. V. fortsetzen. Seine Expertise ist sowohl dort hochgeschätzt als auch beim Kooperationspartner Deutscher Hockey Bund. Dessen Präsident, Hanns-Henning Fastrich, über Ralf:
„Es gibt im Hockey diese besonderen Verbindungen, die nicht laut entstehen, sondern über Jahre wachsen. Eine davon ist die zwischen Ralf Stähler und mir.
Unsere Verbindung im Hockey reicht weit zurück – bis in die gemeinsame Zeit in der Junioren-Nationalmannschaft. Damals wie heute prägen Vertrauen, Teamgeist und Verantwortung unser gemeinsames Verständnis von Hockey.
Viele Jahre später arbeiteten und arbeiten wir wieder eng zusammen: Ralf Stähler als Präsident des Vereins Zehlendorfer Wespen und Vizepräsident der Hockeyliga, ich als Präsident des Deutschen Hockey-Bundes und ebenfalls als Vizepräsident der Hockeyliga. Unterschiedliche Rollen, aber eine gemeinsame Haltung.
Der Deutsche Meistertitel der U16 der Wespen 2024 – auch wenn kontrovers diskutiert – steht sinnbildlich für sportlichen Erfolg und einen fairen Umgang mit Herausforderungen. In einer kleinen Arbeitsgruppe mit Dirk Wellen, Christian Deckenbrock, Ralf und mir haben wir in den vergangenen Jahren viele anspruchsvolle Themen zwischen DHB und Hockeyliga konstruktiv und sportlich gelöst.
Was uns verbindet, ist mehr als Funktion oder Amt: eine gemeinsame Geschichte, gegenseitiger Respekt und die Überzeugung, dass der Hockeysport nur gemeinsam stark bleibt.“
Dirk Wellen, Präsident von Hockeyliga e. V., fügt hinzu:
„Ralf hat sich vom anfänglich sehr kritischen Begleiter zum wichtigen Macher bei der Gestaltung der Hockey-Bundesliga entwickelt. Für das gemeinsame Ziel, Top-Hockey in den Top-Clubs auch top zu präsentieren, moderiert er mit großem Geschick die oft schwierigen Entscheidungsprozesse. Die gesamte Liga-Gemeinschaft schätzt ihn als verlässlichen und klugen Menschen im Präsidium. Wir alle freuen uns sehr, dass er diese Funktion auch nach seiner Zeit als Wespen-Präsident weiter ausüben wird.“
Ein bisschen Zeit wird er trotz aller Aufgaben außerhalb des Vereins hoffentlich auch zukünftig noch mit und bei den Wespen verbringen.
Was wünscht Ralf Stähler den Zehlendorfer Wespen für die Zukunft am meisten?
„Einerseits, dass die Wespen den Anschluss an die Entwicklung nicht verlieren, dafür standen Wolfgang, Claudius und ich in den letzten mehr als 30 Jahren. Andererseits vor allem, dass die Wespen ihr Herz behalten - stellvertretend dafür Menschen wie Kathrin Claussen, Beate Loddenkemper, Schulle oder eben Jochen Bollens; am Beispiel Jochen: Es gibt kaum ein Mitglied, das mir in den letzten 20 Jahren mit seinen teilweise virtuosen Argumentationen so auf den Keks gegangen ist wie Jochen. Es gibt aber auch kaum einen, den ich so gerne und aufrichtig in den Arm genommen habe wie die Knutschkugel Jochen, als ich seine Laudatio zum Ehrenmitglied gehalten habe: Hunderte von Kindern durften Jochen als Nikolaus erleben, Jahr um Jahr, weil es Jochen ein Bedürfnis war, den Vereinsmitgliedern sein Herz zu geben. Ohne solche Menschen, ohne Wärme und Herzlichkeit, hat eine Vereinsstruktur keine Daseinsberechtigung - den Erhalt wünsche ich den Wespen.“
Wir Wespen sagen danke für alles, lieber Ralf – aber unsere gemeinsame Geschichte ist noch nicht zu Ende. Das nächste Kapitel schlagen wir vielleicht am kommenden Sonntag auf, mit dem möglichen Einzug ins Final4. Es wäre auch Dein Verdienst. Von Herzen alles Gute!
Jan Möller-Giaretti
Erster Vorsitzender

